Tagebuch 2005 - "Ooh, life is bigger"

Ich nehme mich am Rande der Gesellschaft wahr, wie ich, mit verschobenem Weltbild, nach der Spätschicht, in der ich drei Totensscheine unterschrieben, das unumkehrbare Ende dreier Lebenswege bezeugt hatte, nachts um drei bei McDonalds sitze, ruhelos und bleiern müde, umgeben bin vom angeheiterten Partyvolk, das, selbst wenn es sich die Mühe machte, verstehen zu wollen, doch nicht verstehen kann, welche Welten da aufeinander prallen.

Oder morgens, nach der Nachtschicht, bin ich im Halbschlaf in eine Bäckerei geschlichen, unrasiert, mit ungewaschenen Haaren.

An der Theke stehen die frischgeduschten, frischrasierten beanzugten Menschen Schlange, um ihr Frühstück für den Arbeitstag zu besorgen. Ich drängele mich vor und werde schief angesehen. Man denkt, ich komme von einer Fete oder ähnlichem und räuspert sich.

Es ist mir egal. Ich habe Hunger und will ins Bett. Keiner weiß, keiner muß wissen, was ich gerade hinter mir habe. Keiner würde mich verstehen, aber alle würden betroffen schweigen. 

Ein Kollege hat dieselbe Nummer mal mit einer Flasche Bier unter dem Arm durchgezogen. Morgens. Und es genossen. Er hat mir dasselbe Gefühl beschrieben. Die Leute wissen nicht. Sie urteilen trotzdem. Spießertum. Und, gleichermaßen, unerträgliche ärztliche Arroganz.

Was hätten die Leute wohl gesagt, hätten sie geahnt, dass er habilitiert ist?

Tagebuch 2002 - sectio statim

 

nicht dass er nicht etwas
ausgesprochen banales an sich gehabt haette
der nabelschnurknoten
ein knoten halt
für das kind jedoch schlicht
das ende.

man schnitt es blau aus dem
leib seiner mutter
es ueberlebte nicht.

Gott
dieser knoten ein einziges argument gegen Dich

 

(c)TK 2002

 

Tagebuch 2001 - Intensiv, nachts

 
feather of lead, bright smoke, cold fire, sick health*

nein nicht der umstand
daß sie nun hirntot vor mir liegt
- eine frau uebrigens in der bluete ihrer jugend -
ich bin ueberzeugt, dass sie nicht leidet

die traenen sind es
die traenen in den augen ihrer angehoerigen
ihres freundes der sich in verzweifelter zaertlichkeit an sie die tote schmiegt
sie gehen mir durchs herz

die liebe also mal wieder

warum macht sie uns das leben schwer?

 

 (c)TK 2001

 

*(Shakepeare's Romeo über die Liebe)

Tagebuch 1993 - postmortem

Ein-Schnitt

Für M. S.

Ein Schnitt vom Hals bis kurz über die Schambehaarung. Um die Ränder
besser spreizen zu können, wird der Schnitt quer von Schulter zu Schulter
erweitert, dann die Rippen mit einer Art Baumschere durchtrennt und mit
dem Brustbein abgehoben, spinnenförmig, wie irgendein Viech mit
vierundzwanzig Beinen. Auch der Kopf wird geöffnet. Erst skalpiert, die
Haut nach vorne übers Gesicht, nach hinten über das Hinterhaupt gezogen.
Dann wird ein kreisförmiger Schnitt gesägt, mit einer kleinen, sirrenden
Kreissäge.

Ein Schauer läuft mir, schon wieder, über den Rücken. Eine
Wolke unbeschreiblichen, staubigen und leicht verbrannten Geruchs, durch
die heiße Zerstäubung der Schädelknochen, durchzieht den engen Raum. Ich
verspüre ein Kratzen im Hals, das auch durch mein Räuspern nicht
verschwinden will.

Nachdem ein Schlitz gesägt ist -- vom Hinterhaupt linksherum
bis zur Stirn und rechtsherum wieder bis zum Hinterhaupt -- wird die
Schädeldecke mit einer Art Schraubenzieher abgehoben,
wie man Farbdosen öffnet, abgedreht.

Blut entleert sich. Schließlich fällt uns das Hirn in seinen Häuten
entgegen. Es wird in einem Eimer, der mit Formaldehydlösung gefüllt ist,
aufgehängt, an einem Faden, Unterseite zuoberst, freischwebend, es soll
sich nicht verformen, wenn es sich verhärtet.

So liegt er also vor uns, der Mensch, seht den Menschen, Ecce homo! (1) Ohne
Stirn, ohne Scheitel, ein halber Kopf. Erschreckend leer.

Ein Gedanke geht mir durch den Kopf: Was kann uns jetzt noch grausen? Wie
lächerlich erscheinen mir die ausgeklügelten Filmszenen, angesichts der
leibhaftigen, partiell dekapitierten, nach oben blutig klaffenden Leiche?

Sie ist entsetzlich entstellt.
Sie war jung.
Sie war schön.

Ihr langes, blondes, jetzt blutdurchtränktes Haar schlottert um den Kopf herum, der so
unerträglich willenlos in den Händen des nun zunähenden Sektionsgehilfen
hin- und herfällt.

Was nun folgt: Die Evisceratio, die "Enteingeweidung", die Organentnahme.
Sie werden nacheinander herausgenommen, Zunge, Kehlkopf, Lunge, Herz,
Leber, Magen, Niere, Aorta, Blase, Gebärmutter, Eierstöcke. Auch der Darm
wird in einem eigenen Eimer abgelegt. Es stinkt bestialisch. Die Nieren
urinös (wie auch anders?)

Eine Darmoperation? Dann müssen doch noch Nähte nachweisbar sein. Und wir
suchen in der Scheiße nach den kleinen, blauen Fadenresten. Die Stecknadel
im Heuhaufen. Grün, ja grün ist die schmierige Substanz zwischen unseren
Fingern und von Ekel geschüttelt, die zerfallenden, fauligen Ergebnisse
unserer stinkenden Hinfälligkeit in den Händen, möchte ich in einem Anflug
von Trotz mein Glaubensbekenntnis dröhnend hinausschreien, daß
alle es hören und jeder Winkel dieser Pflege- und Sterbefabrik
erbebt: Tod, wo ist dein Stachel? Tod, wo ist dein Sieg?
Verschlungen ist der Tod vom Sieg
(2)

Doch der Kloß im Hals und meine verkrampft-verbissen zusammengepressten
Zähne, deren Gewalt ich jetzt erst gewahr werde, zwingen mich, stattdessen
stumm in mich hineinzusummen:

Alles Fleisch es ist wie Gras und alle Herrlichkeit des Menschen
wie des Grases Blumen: Das Gras ist verdorret
und die Blume, ja verflixt, und die Blume abgefallen
(3),

so wahrhaftig, so greifbar, so wirklich wie noch nie.

Meine Unfähigkeit, auch nur zu lächeln, treibt mir die Tränen in die
Augen. Ich beuge mich vor, dem Rücken meiner Kommilitonin zugewandt
und ziehe den wohltuenden Duft ihrer frischgewaschenen Haare tief in mich hinein.

Sie ist schön. Sie ist jung.

 

 

(1) Joh 19, 5.2
(2) 1Kor 15, 54+55
(3) 1Petr 1, 25

(c)TK 1993