Ein-SchnittFür M. S.
Ein Schnitt vom Hals bis kurz über die Schambehaarung. Um die Ränder
besser spreizen zu können, wird der Schnitt quer von Schulter zu Schulter
erweitert, dann die Rippen mit einer Art Baumschere durchtrennt und mit
dem Brustbein abgehoben, spinnenförmig, wie irgendein Viech mit
vierundzwanzig Beinen. Auch der Kopf wird geöffnet. Erst skalpiert, die
Haut nach vorne übers Gesicht, nach hinten über das Hinterhaupt gezogen.
Dann wird ein kreisförmiger Schnitt gesägt, mit einer kleinen, sirrenden
Kreissäge.
Ein Schauer läuft mir, schon wieder, über den Rücken. Eine
Wolke unbeschreiblichen, staubigen und leicht verbrannten Geruchs, durch
die heiße Zerstäubung der Schädelknochen, durchzieht den engen Raum. Ich
verspüre ein Kratzen im Hals, das auch durch mein Räuspern nicht
verschwinden will.
Nachdem ein Schlitz gesägt ist -- vom Hinterhaupt linksherum
bis zur Stirn und rechtsherum wieder bis zum Hinterhaupt -- wird die
Schädeldecke mit einer Art Schraubenzieher abgehoben,
wie man Farbdosen öffnet, abgedreht.
Blut entleert sich. Schließlich fällt uns das Hirn in seinen Häuten
entgegen. Es wird in einem Eimer, der mit Formaldehydlösung gefüllt ist,
aufgehängt, an einem Faden, Unterseite zuoberst, freischwebend, es soll
sich nicht verformen, wenn es sich verhärtet.
So liegt er also vor uns, der Mensch, seht den Menschen,
Ecce homo! (1) Ohne
Stirn, ohne Scheitel, ein halber Kopf. Erschreckend leer.
Ein Gedanke geht mir durch den Kopf: Was kann uns jetzt noch grausen? Wie
lächerlich erscheinen mir die ausgeklügelten Filmszenen, angesichts der
leibhaftigen, partiell dekapitierten, nach oben blutig klaffenden Leiche?
Sie ist entsetzlich entstellt.
Sie war jung.
Sie war schön.
Ihr langes, blondes, jetzt blutdurchtränktes Haar schlottert um den Kopf herum, der so
unerträglich willenlos in den Händen des nun zunähenden Sektionsgehilfen
hin- und herfällt.
Was nun folgt: Die Evisceratio, die "Enteingeweidung", die Organentnahme.
Sie werden nacheinander herausgenommen, Zunge, Kehlkopf, Lunge, Herz,
Leber, Magen, Niere, Aorta, Blase, Gebärmutter, Eierstöcke. Auch der Darm
wird in einem eigenen Eimer abgelegt. Es stinkt bestialisch. Die Nieren
urinös (wie auch anders?)
Eine Darmoperation? Dann müssen doch noch Nähte nachweisbar sein. Und wir
suchen in der Scheiße nach den kleinen, blauen Fadenresten. Die Stecknadel
im Heuhaufen. Grün, ja grün ist die schmierige Substanz zwischen unseren
Fingern und von Ekel geschüttelt, die zerfallenden, fauligen Ergebnisse
unserer stinkenden Hinfälligkeit in den Händen, möchte ich in einem Anflug
von Trotz mein Glaubensbekenntnis dröhnend hinausschreien, daß
alle es hören und jeder Winkel dieser Pflege- und Sterbefabrik
erbebt:
Tod, wo ist dein Stachel? Tod, wo ist dein Sieg?
Verschlungen ist der Tod vom Sieg (2)
Doch der Kloß im Hals und meine verkrampft-verbissen zusammengepressten
Zähne, deren Gewalt ich jetzt erst gewahr werde, zwingen mich, stattdessen
stumm in mich hineinzusummen:
Alles Fleisch es ist wie Gras und alle Herrlichkeit des Menschen
wie des Grases Blumen: Das Gras ist verdorret
und die Blume, ja verflixt, und die Blume abgefallen (3),
so wahrhaftig, so greifbar, so wirklich wie noch nie.
Meine Unfähigkeit, auch nur zu lächeln, treibt mir die Tränen in die
Augen. Ich beuge mich vor, dem Rücken meiner Kommilitonin zugewandt
und ziehe den wohltuenden Duft ihrer frischgewaschenen Haare tief in mich hinein.
Sie ist schön. Sie ist jung.
(1) Joh 19, 5.2
(2) 1Kor 15, 54+55
(3) 1Petr 1, 25(c)TK 1993