Oh Sprache ... ein Netz von Denkbarkeiten

Der Deutsche Sprachrat hatte vor einigen Jahren einen spielerischen und zwanglosen Wettbewerb um das schönste Deutsche Wort samt Begründung ausgeschrieben. Es macht Spaß, in den veröffentlichten Kandidaten zu blättern. 

In der Einleitung zu diesem Buch  ("Das schönste deutsche Wort", Hueber Verlag 2004) von Jutta Limbach finde ich den bemerkenswerten Satz:

Wörter sind nicht nur Element unserer Sprache, sie gleichen vielmehr einem Netz von Denkbarkeiten. Sprache ist – laut Wilhelm von Humboldt – auch Ausdruck der Verschiedenheit des Denkens, jede Sprache ist “auch eine Ansicht von der Welt”. Für jeden, der eine Fremdsprache erlernt, sind Wörter gleichsam Fenster in eine andere Welt.

Damit bringt Frau Limbach etwas auf den Punkt, was ich schon immer zu formulieren versuche, es aber noch nie so klar habe fassen können.

(Auch nett, im zweiten Vorwort eines Journalisten namens Müller, der Hinweis: "Der am häufigsten genannte Wort-Favorit war die Liebe, gefolgt von der Heimat und dem Glück und die Sehnsucht schaffte es als Vierte nur deshalb nicht aufs Treppchen, weil sie ausplauderte, warum die ersten Drei dort oben standen.")

Im Roman "Die geheime Geschichte" lässt Donna Tartt (auf deutsch Goldmann 1993) den ich-Erzähler über seinen Griechischlehrer sagen:

"Die Gedankengänge würden anders, sagte er, wenn sie in die Schranken einer starren und unvertrauten Sprache gezwungen werden. Bestimmte gewöhnliche Ideen seien plötzlich nicht mehr auszudrücken, andere, bis dahin nie geträumte, erwachten zum Leben und fänden wunderbaren neuen Ausdruck. Zwangsläufig, denke ich, habe ich Mühe, auf englisch exakt zu erklären, was er damit meinte. Ich kann nur sagen, ein incendium ist seiner Natur nach etwas ganz anderes als das feu, mit dem der Franzose seine Zigarette anzündet, und beide unterscheiden sich wiederum völlig von dem krassen und unmenschlichen pyr, das die Griechen kannten. Das pyr, das auf den Türmen Ilions loderte oder das tosend und brüllend an der trostlosen, windgepeitschten Küste vom Scheiterhaufen des Patroklos flammte."

 

Ich glaube, dass man, wenn man anfängt, in einer anderen Sprache zu denken, ein bisschen ein anderer Mensch wird.

Ambulante Anästhesie

Hier ein lesensweter Artikel (aus der Zeitschrift ArztRechtwww.arztrecht.org) über die z.T. unlösbar scheinenden Probleme der Ambulanten Anästhesie

 

Haftung beim Tod sedierter Patienten

Die Überwachungspflicht nach der Behandlung sedierter Patienten wurde im Urteil des Bundesgerichtshofs vom 8.4.2003 verschärft.

Der Artikel macht pragmatische Vorschläge für die Umsetzung des BGH-Urteils.

Chefarzt Prof. Dr. med. U. Schulte-Sasse, Heilbronn

und Rechtsanwalt Dr. jur. B. Debong, Karlsruhe (ArztR 5/2005)

Anästhesist vor Gericht

In der RP fand ich unten zitierten Artikel.

Tragisch oder fahrlässig ? Da wüßte ich gerne mehr.

Anästhesist vor Gericht: Tod beim Zahnarzt: Prozess beginnt | RP ONLINE

Düsseldorf (RP) Für Dagmar Schlag (51) wurde ein Alptraum zur Wirklichkeit: Als sie ihre Tochter Daniela (28) vor zweieinhalb Jahren zum Zahnarzt begleitete, ist Daniela während der Vollnarkose gestorben. Jetzt muss der damalige Anästhesist (63) wegen fahrlässiger Tötung auf die Anklagebank beim Amtsgericht.

Mutter und Tochter hatten im Wartezimmer noch miteinander herumgealbert. Dann war die 28-jährige Daniela zur Zahnwurzelbehandlung aufgerufen worden, ihre Mutter Dagmar Schlag (51) hatte zu Zeitschriften gegriffen, um die Wartezeit zu überbrücken. Es war die letzte Begegnung zwischen Mutter und Tochter.

Während Dagmar Schlag nämlich arglos in Magazinen blätterte, ist ihre Tochter Daniela unter Vollnarkose im Behandlungszimmer einer Belegklinik an der Grafenberger Allee gestorben. Das war vor rund zweieinhalb Jahren. Jetzt muss der damalige Narkose-Arzt (63) wegen fahrlässiger Tötung vor das Amtsgericht.

Die Anklage lastet dem bulgarischen Mediziner massive Versäumnisse bei Vorbereitung und Durchführung der Narkose an sowie die sträfliche Missachtung maßgeblicher Leitlinien.

Diese Zahnpatientin hätte als Risikopatientin angesehen werden müssen: Die 28-jährige Frau war übergewichtig, war lange Zeit drogensüchtig gewesen, war zuletzt im Methadon-Programm - und sie hatte in Fragebögen vor dem geplanten Eingriff auch angekreuzt, dass bei ihr schon früher Probleme im Zusammenhang mit einer Narkose aufgetreten waren.

Voraussetzungen ausreichend?

Doch auf Schwierigkeiten bei der Vollnarkose war der verantwortliche Anästhesist offenbar nicht eingestellt. Mehr noch: Die Anklage kommt zum Ergebnis, dass der 63-Jährige weder die Kenntnis noch die praktischen Fähigkeiten für einen solchen Eingriff besaß. Und dass im angemieteten Behandlungsraum jener Belegklinik sogar die technische Ausstattung für einen solchen Eingriff fehlte.

 

Als der Anästhesist der 28-Jährigen damals trotzdem (ab 10.35 Uhr) die Vollnarkose verabreichte und es Probleme mit der Beatmung der Frau gab, ließ er die Patientin auch nicht etwa aufwachen, bis ihre Eigen-Atmung wieder einsetzte ­ sondern hat ihr (laut Ermittlungen) die bereits gespritzten Narkosemittel noch ein zweites Mal verabreicht.

Die Folgen waren laut medizinischem Gutachten verheerend: Bei Daniela kam es durch Sauerstoffmangel zum Kreislaufstillstand. Aber auch die Leitlinien zur Re-Animation (die ein EKG vorsehen, kontinuierliche Herzmassage sowie hochdosierte Adrenalinabgabe) habe der 63-jährige Narkosearzt völlig außer Acht gelassen. Trotzdem wurde damals erst um 12.21 Uhr der Notarzt alarmiert, also fast zwei Stunden nach der ersten Narkose-Dosis. Als der Notfallmediziner eintraf, war die Patientin schon nicht mehr zu retten.

Die 28-Jährige starb um 12.50 Uhr, ihr Herz und ihr Gehirn waren bis dahin bereits anderthalb Stunden ohne Sauerstoffversorgung geblieben. Vergeblich hat Opferanwalt Georg Heusler, der Danielas Mutter vertritt, seither von dem Narkosearzt eine Stellungnahme angefordert. „Aber auf eine Entschuldigung wartet die Mutter bis heute vergebens”, sagt der Jurist.

Im Strafprozess vor einer Amtsrichterin will der Anwalt jetzt auch ein Schmerzensgeld für die Angehörigen durchsetzen. „Die Höhe ist nicht entscheidend”, so Heusler. „Der Familie geht es nur darum, dass sich solche untragbaren Zustände nicht wiederholen!” Ob die Mutter nervlich überhaupt fähig sein wird, den Prozess gegen den Anästhesisten als Nebenklägerin durchzustehen, ist ungewiss.

Schon Formulierungen aus der Anklage, wie „plötzliche Komplikationen” oder „nicht natürliche Todesursache” lassen der 51-Jährigen auch heute noch die Tränen in die Augen steigen. Als Verhandlungstermin um den tragischen Tod ihrer Tochter hat das Amtsgericht jetzt den 4.Dezember vorgesehen, ab 13 Uhr, Saal A 153.

Quelle: RP

Vgl. auch hier (NRZ - DerWesten): Luftröhrenenge, Zungenwucherung, Übergewicht, Vorgeschichte

Can't stop

 

„Nach müd kommt blöd“

Im Laufe nicht enden wollender Dienste kommt es vor, dass ich mich in einer Art Manie wiederfinde, in einer gehobenen Stimmung, in der ich mich als gleichsam unverletzlich und hochmotiviert erfahre. In der ich mich als Teil eines endlosen, unaufhörlich und unerbittlich weiterstrebenden Prozesses wiederfinde, der über die Dynamik einer unendlich übermächtigen Maschine verfügt und dem man sich nur in einer Mischung aus trunkener Faszination und Resignation ergeben kann. Der aber auch meine Kraft aufs Äußerste fordert. In der ich  aber auch mehr als sonst das Gefühl äußerster Befriedigung erfahre, da ich eben der Handelnde bin, der, unaufhörlich, aber immerhin obenauf und  „auf Höhe“ mitschwimmt in diesem Wahnsinn, der eben nicht untergehr, der eben besteht.

 

All das keimt in mir auf, wenn ich „Can’t stop“  der Red Hot Chili Peppers höre (Hier z.B. Live at slane) . Es treibt unerbittlich voran. Und es hat unbändige Energie.

Wahn

Im Psychiatrie-Lehrbuch von Huber (Schattauer Verlag) fand ich dieses Zitat. Ich mag es, weil er es vermag, eine komplexe Überlegung sprachlich „dicht“ auf den Punkt zu bringen:

Unterscheidet man im psychotischen Erleben Dasein und Sosein, (K. Schneider) und am Sosein wiederum Form (Seinsweise) und Inhalt (Thema), so sind „Dasein“ und „Form“ nicht verstehbar, wohl aber die Themen von Wahn und Halluzination beim einzelnen Patienten: Nihil est in intellectu, quod non antea in sensu fuerit.

 

(G. Huber: Psychiatrie, Schattauer Verlag, 5. A 1994)